Das Werkzeug: Schnitzbeil

Heute darf ich euch wieder einen Gastbeitrag von Werner Fuchs präsentieren. Ohne viele weitere Worte übergebe ich ihm das Heft.


DAS SCHNITZBEIL – AUCH EINE STI(E)LFRAGE

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein ganz anderer Beitrag stehen – einer den ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit zugesagt habe, aber leider brauche ich dafür einen ganzen Tag schönes Wetter und das war bis jetzt das große Hindernis …

Deshalb hier (sozusagen zur Überbrückung) ein paar Gedanken zum Thema Axt (ich benutze hier des Öfteren den Ausdruck Axt – wer sich aus welchen Gründen auch immer daran stört, soll ihn meinetwegen durch Beil ersetzen). Aus meiner Sicht ist die Axt das am meisten unterschätzte Schnitzwerkzeug – wir entfernen circa 90% des „überflüssigen“ Holzes eines Löffels mit der Axt und das in nur in etwa einem Viertel der gesamten Zeit, die wir brauchen um fertig zu werden. Egal was man schnitzen möchte, das erste Werkzeug, das man üblicherweise benutzt ist die Axt, mit ihr legt man auch die grundlegenden Formen fest. Es verdient schon irgendwie eine genauere Betrachtung, das Teil, das offenbar unheimlich effektiv ist und zudem schon ganz am Anfang des Projekts darüber entscheidet wie unser Ergebnis aussehen wird – egal ob es ein Löffel, eine Schüssel, ein Butterstreicher, ein Zaun, ein Rechen oder was auch immer wird … Grundsätzlich ist es zwar möglich mit einer Axt aus dem Baumarkt zu schnitzen, aber das ist aus meiner Sicht maximal die zweitbeste Lösung. Zum Einen liegt das daran, dass die gängigen Baumarkt-Gerätschaften eher zum spalten geeignet sind, beim Schnitzen will ich aber schneiden. Zum Anderen ist die Qualität meistens ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen billig und preiswert.

Wie soll sie denn dann aussehen unsere Axt?

Als erstes ein Blick auf den Teil der Axt, der uns am nächsten ist – den Stiel.

Von all den gängigen Formen, die ein Axtstiel haben kann – gerade, gebogen (unten auf dem Foto) oder geschwungen (oben auf dem Foto) – ist die geschwungene Form in jedem Fall vorzuziehen. Die Hand, die das Werkzeug führt, ist dadurch ein gutes Stück näher an der Schneide – die Axt fühlt sich dadurch wesentlich ausgewogener an. Der Unterschied ist auf dem Foto klar zu sehen; die gedachte Linie zwischen Axtkopf und Stielende hilft im Zweifelsfall die Abstände besser abzuschätzen. Ich konnte mich bis jetzt zumindest nicht mit geraden oder gebogenen Axtstielen anfreunden, sie mögen bei anderen Äxten ihre Berechtigung haben, aber zum Schnitzen sind sie zweite Wahl. Die vernünftige Länge des Stiels liegt nach meiner Erfahrung bei circa 30 bis 40 cm. Bei kürzeren Stielen verliert die Axt leicht die Balance, längere Stiele werden unhandlich und sind beim schnitzen störend.

Der nächste Blick gilt dann wohl dem Axtkopf. Alle aus meiner Sicht empfehlenswerten Äxte haben einen relativ schlanken Kopf – wir erinnern uns, wir wollen schneiden, nicht spalten. Zudem besitzen sie alle einen flachen Anschliff, etwas was man gemeinhin so nicht bei einer Axt erwartet. Üblicherweise ist der Schliff einer Axt ballig, je nach Einsatzzweck mal mehr mal weniger. Ich bevorzuge jedoch schon seit längerem einen flachen Anschliff etwa in der Art, wie wir ihn auch bei unseren Schnitzmessern vorfinden, der Schliffwinkel ist nur etwas weniger „spitz“ (bei Messern circa 25°, bei Äxten ungefähr 30°). Das hat zwar den Nachteil, dass das Schleifen ein gutes Stück länger dauert als bei den ballig geschliffenen Äxten und die Schneide auch eher mal zu kleineren Ausbrüchen neigt, aber dafür ist das Schnitzen mit diesen Werkzeugen wesentlich präziser.

Nun eine kleine Übersicht über die Schnitzäxte, die ich empfehlen kann – ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich keine Reviews schreibe, ich schreibe über Dinge, mit denen ich positive Erfahrungen gemacht habe, daher kann diese Zusammenstellung auch nicht komplett sein.

Die günstige Gute – Robin Woods Carving Axe

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Dieses Modell hat meinen bisherigen Favoriten bei den Äxten, die ich für meine Kurse benutze, abgelöst. Sie ist die günstigste Möglichkeit eine vernünftige Schnitzaxt mit flachem Anschliff zu bekommen; ein perfektes Beispiel dafür, dass man auch mit einem günstigen Axtkopf durch einen wirklich gut angepasssten und ausgewogenen Stiel ein großartiges Werkzeug herstellen kann. Der Kopf dieser Axt ist nämlich ein Standardmodell aus Fernost, die Qualität ist in Ordnung – nichts Herausragendes, aber die Schnitthaltigkeit ist sehr gut. Den Schliff erhält das gute Stück in Sheffield, der Gag an dem Ganzen ist jedoch, wie schon erwähnt, der Stiel. Er wurde von Robin für diese Axt entworfen, produziert wird er in England; eingestielt werden die Äxte von Robin selbst. Wenn das Produkt auch keinen Schönheitspreis gewinnen mag, so ist es doch weit mehr als die Summe der Einzelteile.

Näheres unter http://www.robin-wood.co.uk

Die echten Schweden – Hans Karlsson und Svante Djärv

Das sind jetzt schon Modelle für die Anspruchsvolleren unter uns, leider sind sie auch ein gutes Stück teurer als das Einsteigermodell von Robin. Beide sind von kleineren schwedischen Firmen, die fast ausschließlich Werkzeug für Holzhandwerker herstellen. Beiden ist gemein, dass sie als echte Schnitzäxte konzipiert wurden, das heißt schlanker Kopf, flacher Anschliff und ein Stiel, der für das Schitzen perfekt geeignet ist. Bei beiden sind die Axtköpfe handgeschmiedet und haben eine sehr sehr gute Schnitthaltigkeit. Ich habe beide Äxte über eine längere Zeit benutzt und kann nicht sagen, dass eine der beiden wirklich besser oder schlechter ist, aber falls ich mich für eine entscheiden müsste, würde meine Wahl auf die „Hans Karlsson“ fallen. Das fällt vermutlich schon in den Bereich der Geschmackfrage, mir hat aber das Schnitzen mit der „Karlsson“ mehr Spaß gemacht, irgendwie finde ich dass sie mir besser in der Hand liegt.

Näheres unter http://www.djarv.se und http://www.klensmide.se

Die günstige Leichte – alles eine Stielfrage

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Das ist eine Axt, die in dieser Form nicht käuflich erhältlich ist – eigentlich ist sie eher zufällig entstanden. Als ich vor längerer Zeit nach einer günstigen kleinen Axt für meine Kurse gesucht habe, bin ich bei Dieter Schmid (www.feinewerkzeuge.de) auf eine kleine japanische Axt gestossen. Leider musste ich feststelllen, dass zwar der Axtkopf durchaus brauchbar war, der mitgelieferte Stiel aber eine totale Katastrophe (das bezieht sich natürlich nur auf die Verwendung als Schnitzaxt). Daraufhin lag das Teil so circa 2 Jahre im hintersten Winkel meiner Werkstatt, solange bis mein jüngster Sohn eine eigene Axt einforderte. Nachdem das der leichteste Axtkopf war, den ich hatte (um die 400 Gramm), habe ich ihm daraufhin das ungeliebte Stück neu eingestielt und war überrascht wie groß der Unterschied war. Entstanden war eine wirklich gute Schnitzaxt für Kinder, für all diejenigen, die gerne eine leichte Axt benutzen und aufgrund ihres geringen Gewichts auch ein super Teil zum Mitnehmen im „leichten Gepäck“. Wer also über den kleinen Mehraufwand hinwegsieht und eine wirklich leichte Axt sucht wird hier fündig.

Die Seltene – Nic Westermann

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Auch das ist keine Axt „von der Stange“, sondern ein selbst eingestielter Axtkopf. Dieser ist von dem Schmied, von dem ich fast mein komplettes Werkzeug beziehe – Nic Westermann. Alle diejenigen, die mich schon einmal auf Märkten, Demos oder in Kursen gesehen haben, werden das gute Stück erkennen, es ist „meine“ Axt – das heißt das Werkzeug, mit dem ich selbst arbeite. Es ist ein Stück Handarbeit, das eigentlich nur Vorteile hat und nur einen Nachteil. Weil Nic selbst mit Grünholz arbeitet, bekommt man von ihm Werkzeuge, die nicht nur handwerklich auf einem sehr hohen Niveau sind, sondern in der Regel auch besser „funktionieren“ als das, was man von anderen Lieferanten erhält. So verhält es sich auch mit dieser Axt, die Gewichtsverteilung ist perfekt, die Details stimmen …
Generell eigentlich ein Teil, bei dem man nichts falsch machen kann. Tja, jetzt kommen wir zum Nachteil – sie ist wirklich schwer zu bekommen. Ich weiss nicht, wie lang Nics Warteliste inzwischen ist, aber so um die ein bis zwei Jahre werden es sein. Aber wer sich dazu durchringen kann, erhält sicher eine Axt mit der er zufrieden sein wird.

Näheres unter http://www.nicwestermann.co.uk

Soweit zu meiner Liste der empfehlenswerten Schnitzäxte – jede kann ich guten Gewissens empfehlen. Diejenigen, die jetzt vor der Qual der Wahl stehen, kann ich aber trösten – ich kenne eigentlich keinen Grünholzhandwerker, der nur eine Axt hat …
Macht’s gut
Werner

© Copyright Bilder: Nic Westermann und Werner Fuchs

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3 Kommentare zu “Das Werkzeug: Schnitzbeil

  1. Tomasz sagt:

    Vielen lieben Dank, sehr informativ und schön geschrieben.
    Alles gute. Tomasz

  2. Dave Fisher sagt:

    Excellent information and photographs! Danke.

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